Dreißig Boote, acht Nationen und ein Titel, der blieb: die IÖStM am Achensee

Eine Staatsmeisterschaft, bei der die Heimischen gegen halb Europa antraten – und ein Achensee, der seinem Ruf mühelos gerecht wurde. Am Ende standen acht Wettfahrten, ein souveräner Regattasieger und ein Staatsmeister, der zwei Tage zuvor sein Amt abgegeben hatte.
Es ist Freitagvormittag, erste Wettfahrt, und am Zielschiff geht etwas schief. Der Anker hält nicht. Das Schiff treibt hinter die Zielboje, aus der Ziellinie wird ein Nadelöhr – und dreißig Flying Dutchman wollen gleichzeitig hindurch. Gerangel, Rufe, die man bis ans Ufer hört, dann kracht HUN 78 in AUT 39. Beide segeln weiter. Willkommen am ersten Tag einer Meisterschaft, die danach fast alles richtig machte.
Halb Europa fährt nach Tirol
Dreißig Boote aus acht Nationen – für eine nationale Meisterschaft im FD ist das eine Ansage. Zwölf Crews kamen aus Deutschland, acht aus Österreich, dazu Teams aus der Schweiz, Polen, Kroatien, Tschechien und Ungarn. Und dann war da ITA 4, das einzige Boot, dessen Segelnummer nicht verrät, wo es herkommt: zu Hause am Achensee, am Ruder ein Mexikaner, im Trapez ein Niederländer. Mexiko und die Niederlande also obendrauf – zwei Nationen, die in keiner Flaggenstatistik auftauchen, und ein zweiter Kontinent gleich dazu.
Wer aus Berlin, aus Polen oder aus Kroatien kommt, nimmt für ein Regattawochenende eine weite Anreise in Kauf. Dass so viele es taten, sagt einiges über das Revier – und über einen Club, der sich diesen Ruf erarbeitet hat.
Der See hält Wort
Der Achensee gilt nicht umsonst als „Gardasee Österreichs". Zwischen Karwendel und Rofan ist er kaum einen Kilometer breit: enge Bahnen, tückische Ufernähe, teure Fehler – und eine Kulisse aus Fels und türkisem Wasser, die in keiner Ergebnisliste auftaucht.
Wie sehr diese Saison bislang Wind schuldig geblieben war, brachte Axel Priegann (GER 213) auf den Punkt, als er seinen FD nach dem Donnerstagstraining an Land zog:
„Endlich – das erste Mal richtig Wind diese Saison."
Weder die WM (Kieler Woche) noch die IDM (Steinhuder Meer) hatten geliefert. Der Achensee tat es. Und er blieb dabei. Freitag und Samstag lieferte er den thermischen Nordwind, für den die Flotte anreist: drei Wettfahrten am ersten Tag, vier am zweiten. Am Sonntag drehte es nach einem Wetterumschwung auf Süd; im Leichtwind kam noch eine achte Wettfahrt zustande. Wettfahrtleiter Andreas Sammer und sein Team nutzten jedes Fenster – bei einem Feld dieser Größe ist das Handwerk, nicht Glück.
Vorne kein Vorbeikommen
Wie hoch die Latte lag, zeigt ein Detail: Der Gesamtvierte der Kieler FD-WM kam auch am Achensee nicht über Rang vier hinaus. Nach vorne war schlicht kein Platz. In einem Feld dieser Dichte wird jeder Fehler teuer – wer einmal zurückfällt, kommt kaum mehr nach vorne. Felix Albert und Lukas Merz (GER 222) eröffneten mit einem fünften Rang und gewannen danach fünf Wettfahrten in Folge. Zwölf Punkte aus acht Läufen – eine Serie, die in diesem Feld keine Fragen offenließ. Silber ging an Hans-Peter Schwarz und Roland Kirst (GER 87), Bronze an die Schweizer Stephan Fels und Ulf Hugel (SUI 1), die das Duell um Platz drei erst in der letzten Wettfahrt für sich entschieden.
Rot-Weiß-Rot: der neue alte Staatsmeister
Als bestes österreichisches Team und damit Staatsmeister setzten sich Jacob Holzinger und Paul Srienz (AUT 20) durch – Gesamtrang sieben in diesem Feld. Für die beiden ist es erneut eine Titelverteidigung. Vizemeister wurden Gerhard Ulrich und Thomas Oswald (AUT 15), Bronze holten Simon Meister und Johannes Hamminger (AUT 5).
Holz schlägt Vorurteil
Bronze auf einem Holzboot – im FD keine Nostalgie, sondern Alltag. Die Konstruktion stammt aus dem Jahr 1951, die Klasse feiert heuer also ihr 75-Jahr-Jubiläum. Und während die neuesten Boote längst komplett aus Karbon gebaut werden, sortiert die Ergebnisliste noch immer nicht nach Baujahr. Der beste Beleg lag auf Platz zehn: Michi Dorrer am Ruder, Philipp Zingerle als Vorschoter –Holzboot, Aluminiummast, beides bewusst gewählt. Damit vor manch modernerem Gerät. Für Zingerle als Mann des gastgebenden SCTWV ein gelungenes Heimspiel.
Neue Frau an der Spitze
Am Freitagabend tagte im Prälatenhaus des SCTWV die Generalversammlung der österreichischen FDKlassenvereinigung.
Anna Hampl wurde zur neuen Präsidentin gewählt – erstmals führt eine Frau die Klasse in Österreich. Sie folgt Jacob Holzinger nach, der sich zwei Tage später den Staatsmeistertitel holte. Man kann sich schlechter verabschieden.
Vom Opti in den FD
Die schönste Geschichte des Wochenendes segelte im hinteren Feld. Bernd Grotzke hatte einen Sechzehnjährigen an Bord, frisch aus dem Optimisten. Vom kleinsten Boot der Segelwelt direkt in eine Sechs-Meter-Jolle mit einundzwanzig Quadratmetern Spinnaker – und das nicht auf einer Clubregatta, sondern bei einer internationalen Meisterschaft mit dreißig Booten.
Für Grotzke ist das kein Zufall, sondern Haltung: Jede Regatta ist eine Gelegenheit, jemandem den FD zu zeigen. Lieber einen Neuen mitnehmen, als den Platz leer lassen. Dass das keine einmalige Sache war, machte Christoph Zingerle bei der Siegerehrung deutlich. Grotzke bringt seit Jahren neue Leute in die Klasse – den jungen Tiroler Simon jetzt, vor längerer Zeit unter anderem auch Johannes (AUT 5) und Philipp (AUT 8). Zwei davon standen an diesem Wochenende selbst in der Ergebnisliste. Dafür gab es bei der Siegerehrung einen Sonderpreis der österreichischen FD-Klassenvereinigung.
Platzierungen sind nach ein paar Wochen vergessen. Ein Sechzehnjähriger, der jetzt weiß, wie sich ein FD im Trapez anfühlt, bleibt. Chapeau, Bernd. Wer selbst Lust bekommen hat, muss übrigens nicht auf eine Einladung warten. Die österreichische FDKlassenvereinigung hält ein regattafertiges Promo-Boot bereit – eine ganze Saison lang nutzbar, ohne eigene Investition. Dazu kommen Klassentrainings und eine Szene, die Einsteiger nicht allein lässt. Infos: sailfd.at oder secretary(at)sailfd.at
Mehr als nur Segeln
Zum Achensee gehört, was neben dem Wasser passiert. Am Vorabend wurde gegrillt – das Burgergrillen des SCTWV hat in der Klasse längst Kultstatus. Am Samstag folgte die Cocktailparty im Garten, Lichterketten inklusive. Wer wissen will, warum die Leute Jahr für Jahr wiederkommen, muss nicht nur auf die Ergebnisliste schauen.
Weiter geht's am Attersee
Für die heimische Flotte ist die Saison nicht vorbei. Am 12. und 13. September steigt die FD Herbstregatta beim Segelclub Kammersee (SCK) am Attersee – jenem Club, der in seinen Anfangsjahren die stärkste FD-Flotte Österreichs stellte. Wer am Achensee Blut geleckt hat, weiß, wo er im September zu finden ist.
Bericht: Philipp Stampfl (AUT 8)









