Niklas Haberl: „Wir müssen Wasserstunden sammeln und uns wieder aufeinander einstellen“
Während Olympiasiegerin Lara Vadlau weiter an ihrem Comeback nach ihrer schweren Knieverletzung arbeitet, bereitet Vorschoter Niklas Haberl jene Dinge vor, die sich ohne seine Steuerfrau vorbereiten lassen. Der 25-jährige Athlet vom Union Yacht Club Mondsee sammelte mit spanischen Trainingspartnern Wasserstunden, arbeitete an seiner körperlichen Entwicklung und tüftelte am Material. Das neue 470er-Boot liegt mittlerweile im OeSV-Bundesleistungszentrum in Neusiedl. Weniger als zwei Jahre vor Los Angeles 2028 wartet Haberl nun auf den Moment, an dem aus zwei getrennten Programmen wieder eine gemeinsame Olympia-Kampagne auf dem Wasser wird.

Wer Niklas Haberl zuhört, bekommt sehr bald Lust auf Meer. Wenn der 25-Jährige über das Zusammenspiel von Wind und Welle spricht, über den richtigen Moment zum Pumpen oder darüber, wie sich ein Mast unter Belastung biegt, wird schnell klar: Die vergangenen Monate ohne seine eigentliche Steuerfrau Lara Vadlau waren für ihn keine Wartezeit.
„Meine Aufgabe war, dass ich mich trotzdem so gut wie möglich weiterentwickle: in Kraft, Ausdauer, Meteorologie, durch Beobachten und natürlich beim Segeln. Ich wollte Erfahrungen sammeln und auch beim Fitnesslevel einen Schritt nach vorne machen“, erzählt Haberl.
Die Rollen waren nach Vadlaus schwerer Knieverletzung klar verteilt. Die Olympiasiegerin konzentrierte sich nach ihren komplexen Operationen auf Rehabilitation und Genesung, Haberl auf alles, was er währenddessen für seine eigene und die gemeinsame sportliche Entwicklung erledigen konnte. Einfach war die Situation dennoch nicht. „Am Anfang waren wir beide einmal geschockt. Wir haben ja lange nicht gewusst, was wirklich operiert werden muss und wie lange das dann dauern wird.“
Bewährtes Umfeld, neue Trainingspartner
Eine entscheidende Rolle spielte in dieser Phase Jolanta Ogar. Die ehemalige Bootspartnerin von Vadlau, mit der die Kärntnerin unter anderem je zwei WM- und EM-Goldmedaillen gewann, ist heute Trainerin des Teams und lebt in Palma de Mallorca. Über ihr Netzwerk entstand auch der Kontakt zum jungen spanischen Segler Pablo Ruiz Ponce.
„Jola wohnt in Palma, Pablo ist aus Palma, daher hat sie ihn gekannt“, erzählt Haberl. Gemeinsam mit OeSV-Sportdirektor Matthias Schmid wurde die Trainingslösung auf Schiene gebracht. „Das war eigentlich eine Win-win-Situation. Er konnte trainieren und ich konnte trainieren.“
Bis Weihnachten konnte Haberl damit das ursprünglich geplante Wasserprogramm weitgehend durchziehen. Später trainierte er auch mit der spanischen Steuerfrau Paula Laiseca. Entscheidend war für ihn, dass trotz Vadlaus Ausfall wesentliche Strukturen erhalten blieben.
„Wir hatten Jola davor schon als Trainerin in unserer Trainingsgruppe und das ist eigentlich genau gleich weitergelaufen. Ich konnte mit derselben Trainerin und mehr oder weniger im gleichen Umfeld weiterarbeiten. Das ist ein Riesenvorteil.“
Auch Vadlau blieb in die Planungen eingebunden. In gemeinsamen Meetings mit Ogar wurde regelmäßig besprochen, wie die nächsten Schritte aussehen können.
Dass Haberl auf die Rückkehr seiner Steuerfrau wartet, heißt für ihn nicht, dass er sportlich stillsteht. Im Gegenteil: Die internationale 470er-Flotte habe sich seit den Olympischen Spielen kontinuierlich weiterentwickelt.
Besonders augenscheinlich sei das beim Vorwindsegeln und Pumpen. Dabei wird das Boot durch gezielte Körperbewegungen in Verbindung mit der Welle beschleunigt. „Du rollst das Boot und erzeugst dadurch zusätzlichen Druck. Wenn du das mit der Welle gut timst, kannst du zusätzlichen Speed generieren und eine Welle erwischen, die sonst einfach unter dir durchlaufen würde.“ Das Entscheidende sei das Timing: „Wenn du schlecht pumpst, wirst du sicher langsamer, als wenn du einfach normal fährst.“
Dass es unter Segel-Puristen auch Kritiker dieser athletischen Entwicklung gibt, nimmt Haberl gelassen: „Die können ruhig weiter langsam segeln.“
Was mit Vadlau auf Anhieb funktionierte
Gerade beim Vorwindsegeln zeigte sich in der kurzen gemeinsamen Zeit bereits, warum Haberl die sportliche Perspektive mit Vadlau so hoch einschätzt. „Lara hat brutal viel Erfahrung. Sie segelt dieses Boot schon sehr, sehr lange und hat ein sehr gutes Gespür für den Sport und für den Trimm. Sie ist Olympiasiegerin, da hat man offensichtlich schon vieles richtig gemacht und ein sehr hohes Level an Wissen, von dem man profitieren kann.“
Auch im Boot habe es schnell Übereinstimmung gegeben. „Beim Vorwindsegeln hatten wir eine recht ähnliche Idee. Da geht es darum, wie man den Push aufs Boot dosiert, wie oft man ihn macht, welchen Rhythmus man fährt und wie das Verhältnis zur Welle ist. Da hatten wir eine sehr ähnliche Vorstellung.“
Nach nur wenigen gemeinsamen Trainingstagen folgten bereits starke erste Wettfahrten und Platz 8 bei der EM vor Split. „Ich konnte vorher überhaupt nicht einschätzen, was bei der Europameisterschaft als Ergebnis herauskommt. Aber es ist gleich ziemlich gut gegangen. Es hat sich einfach gut angefühlt.“
Dass er die Möglichkeit einer gemeinsamen Olympia-Kampagne mit Vadlau annahm, war dennoch keine Entscheidung, die Haberl im Alleingang traf. Er sprach mit seinen Eltern, seinem Bruder Lukas, mit Vadlaus früherem Vorschoter Lukas Mähr und mit Verantwortlichen des Österreichischen Segel-Verbandes.
Die sportliche Chance gab letztlich den Ausschlag. Eine vollständig fitte Lara Vadlau zählt für Haberl zu den besten Steuerfrauen der Welt. Gemeinsam mit ihr eine Olympia-Kampagne bestreiten zu können, ist für den U23-Weltmeister und U24-Europameister von 2021 eine außergewöhnliche Perspektive.
Vom neuen Rumpf zur Biegekurve
Während Vadlau an ihrem Knie arbeitet, hat Haberl auch beim Material seine Hausaufgaben gemacht. In Hamburg übernahm er einen neuen 470er-Rumpf, der mittlerweile im Bundesleistungszentrum für Segeln & Surfen in Neusiedl liegt. „Der neue Rumpf ist super“, sagt Haberl. Damit allein ist es im olympischen Segeln allerdings längst nicht getan. „Man muss für jedes Team individuell schauen, dass das gesamte Setup zusammenpasst: der Mast mit dem Schwert, der Mast mit dem Großsegel, Vorsegel und Spinnaker – und am Ende muss alles zum Segelstil des Teams passen.“
Haberl hat deshalb mehrere Masten in Hamburg vermessen. Untersucht wird dabei unter anderem, wie stark sie sich nach vorne, hinten und seitlich biegen. „Man sucht die Biegekurve heraus, die zum eigenen Setup passt. Dann nimmt man vielleicht noch einen etwas härteren und einen etwas weicheren Mast dazu, damit man testen kann, was besser funktioniert und in welche Richtung man sich entwickeln will.“
Orientierung bietet dabei auch das Material, mit dem Vadlau und Lukas Mähr 2024 Olympiasieger wurden. „Das Setup von Lara und Luki war natürlich sehr gut. Wenn man damit Olympia-Gold gewinnt, will man sich zunächst nicht allzu weit davon entfernen.“
Auch Mähr selbst steht Haberl mit seiner Erfahrung zur Seite. Die entscheidenden Antworten werden aber erst auf dem Wasser kommen. „Die weitere Detailarbeit müssen wir dann beim Segeln über den Trimm entwickeln.“
Genau diese Detailarbeit passt zur aktuellen Strategie des Österreichischen Segel-Verbandes auf dem Weg nach Los Angeles. Während es bei den ersten Aufenthalten im künftigen Olympiarevier noch um das Kennenlernen ging, stehen mittlerweile Material, Meteorologie, Strömung, Technologie, Taktik und Strategie im Zentrum. Für OeSV-Sportdirektor Matthias Schmid werden aufgrund der vergleichsweise gut lesbaren Windverhältnisse insbesondere Starts, Bootsspeed und ein perfekt abgestimmtes Material entscheidend sein. „Wenn alle wissen, wo es hingeht, entscheiden die Details“, bringt Schmid die Herausforderung auf den Punkt.
Von den Erfahrungen der österreichischen Teams, die bereits vor San Pedro und Long Beach trainiert und gemeinsam mit dem OeSV Wetter- und Strömungsdaten gesammelt haben, wird auch das Duo Vadlau/Haberl profitieren.
Erst das Knie, dann die Intensität
Der nächste entscheidende Schritt lässt sich allerdings nicht mit Biegekurven, Trainingsplänen oder meteorologischen Daten berechnen: Vadlaus Knie muss die Rückkehr ins Boot erlauben. Ein erster gemeinsamer Trainingsblock könnte in Palma stattfinden. Dort lebt Trainerin Jolanta Ogar, zudem steht dem Team ein Trainingsboot zur Verfügung.
„Wir werden uns wahrscheinlich zunächst einmal herantasten und schauen, wie viel Belastung man geben kann. Vielleicht ist Lara dann schon so weit, dass wir wirklich voll trainieren können. Das kann man aber erst dort sagen.“ Haberl will den Aufbau keinesfalls überstürzen. Wenn das Knie die Belastung verträgt, soll die Intensität schrittweise gesteigert und anschließend über längere Zeit hochgehalten werden.
„Dann müssen wir wirklich Wasserstunden sammeln und uns wieder aufeinander einstellen: beim Trimm, bei den Segeln und beim Zusammenspiel. Danach können wir langsam angehen, was wir noch verändern wollen.“ Denn eines lässt sich auch mit viel individueller Arbeit nicht ersetzen: gemeinsame Zeit im 470er. „Wir werden im Winter viele Stunden fressen müssen.“
Lara Vadlau und Niklas Haberl müssen wieder gemeinsam aufs Wasser. Und wenn man Haberl zuhört, kann dieser Moment für den Vorschoter gar nicht früh genug kommen.



